Nazi

»Nazi« ist ein schmerzhaftes Wort. Wer einen anderen Menschen »Nazi« nennt, der will wehtun. Wer »Nazi« sagt, der will abgrenzen und spalten. Er selbst ist der »Gute«, der andere ist der »Nazi«.

Doch woher kommt das Wort »Nazi«? Was soll »Nazi« überhaupt bedeuten? Bereits diese Rückfrage könnte Sie in den Verdacht geraten lassen, einer dieser »Nazis« zu sein. Doch warum? Wir kommen dazu.

Geschichte

Lassen Sie uns einleitend den zuerst ins Auge springenden Aspekt ansprechen: »Nazi« bedient sich im schlimmstmöglichen deutschen Zeitabschnitt, dem »Dritten Reich«. »Nazi«, das klingt wie Abkürzung von »Nationalsozialist«. Und natürlich soll es danach klingen.

Und hier wird es bereits absurd. Ist ein »Nazi« ein Mitglied der nationalsozialistischen Partei? Waren jene Mitgründer der Bundesrepublik, die wohl aus Versehen ein NSDAP-Parteibuch eingesteckt hatten, auch alles »Nazis«? Natürlich nicht. Es soll ja auch Leute geben, die waren Vollzeit-Stasis und wussten bis eben noch nichts davon.

Wenn das Wort »Nazi« wirklich »Nationalsozialist« bedeutete, wäre es einfach, diese »Nazis« zu verbieten. Doch es bedeutet etwas anderes.

Anschauungsbeispiel

Es gibt eine Institution, die teilweise vom Bundesfamilienministerium gefördert wird und sie hat Die Zeit als publizistischen Partner. Selbst aber führt sie offensichtlich Listen missliebiger Publizisten. Diese Institution nennt sich »Netz gegen Nazis«.
Ich habe bei »Netz gegen Nazis« angefragt, was sie mit »Nazis« meinen. »Nationalsozialisten« können es nicht sein, schließlich hat »Netz gegen Nazis« via Twitter festgestellt: »›Echte Nazis‹ sind nicht mehr das Hauptproblem für den demokratischen Zusammenhalt in Deutschland im Moment.« – Was sind denn nun diese »Nazis«? Die Spezialisten in All-things-Nazi definieren »Nazi« so:

Klassischerweise bezeichnet „Nazi“ einen Anhänger oder eine Anhängerin des historischen Nationalsozialismus. Umgangssprachlich wird es als Synonym für einen Anhänger oder eine Anhängerin rechtsextremer Ideologie verwendet.

Was Netz gegen Nazis als »rechtsextrem« bezeichnet, das ist zunächst recht unkontrovers. Es fallen Schlagworte wie Rassismus und NS-Verherrlichung. Andere Kennzeichen des Rechtsextremismus, die Netz gegen Nazis angibt, findet man ebenso unter manchen Linken und anderen Gruppen, etwa Antisemitismus und Angriffe auf politische Gegner. In Summe zeichnet aber Netz gegen Nazis ein Bild vom Rechtsextremismus, das man im Zweifel abnicken könnte.

Ich bin ja kein Gegner der Nazi-Bekämpfung – aber! Das Projekt »Netz gegen Nazis« mag sich am Anfang gegen tatsächlich Rechtsradikale gerichtet haben, also die jungen Herren mit 88-Tatoos. (Der achte Buchstabe des Alphabets ist »H«. Die Zahl 88 ist Code für einen bestimmten Gruß.)

Die Bekämpfung von Rechtsextremen war der Anfangsgedanke. Netz gegen Nazis ist ursprünglich ein Projekt der Wochenzeitung DIE ZEIT, gestartet 2008, als Reaktion auf ein wahrgenommenes Erstarken der Rechtsextremen in Deutschland.
Bereits 2009 aber beschloss man, »nicht mehr nur über Rechtsextremismus zu berichten, sondern über gesellschaftlich weiter verbreitete Formen von Gruppen-bezogener Menschenfeindlichkeit, konkret über Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Antiziganismus, Sexismus und Homo- und Transfeindlichkeit, wo immer sie auftreten.«

Ein »erweiterter Nazi-Begriff« quasi. Doch Netz gegen Nazis ist ein Projekt der kontroversen Amadeu-Antonio-Stiftung. Deren Chefin hat Erfahrung bei der Staatssicherheit der DDR und die Stiftung selbst agitiert recht offen gegen manchen, der den neuen Linkskurs der Merkel-CDU auch nur entfernt zu kritisieren wagt. Und was als klar aufgestellte Initiative gegen Extremisten begann, wurde über die Zeit zu einem Projekt, das recht beliebig Regierungs-Kritiker an den Pranger stellt.

Der bisherige »Höhepunkt« dieser Entwicklung war 2016, als Netz gegen Nazis begann, Listen von Publizisten zu veröffentlichen, die ihrer Meinung nach »Hass« im Internet verbreiteten. In einer dieser Listen, »Digitale Hass-Quellen« wurden unter anderem die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, der Publizist und Herausgeber Roland Tichy und der Chefredakteur (und ebenso wie Roland Tichy häufige Talkshow-Gast im deutschen TV) Roger Köppel gelistet.

Konservative und liberale Publizisten wurden unter dem Label »Nazi« diffamiert. Es war auch diese Liste, auf die sich später Gerald Hensel berief. Netz gegen Nazis nahm die Liste offline, nachdem sie sich im Internet verbreitet hatte, doch es war nicht die einzige Liste dieser Art. Diese Listen tauchen immer wieder auf, entfalten ihre Wirkung, und verschwinden wieder.

Die Problematik des Nazi-Labels für »einfache« konservative Regierungskritiker ist innerhalb des Vereins wohl bereits angeklungen. Simone Rafael, Leitende Redakteurin des Projekts, erklärt: »Wenn wir nun feststellen, dass sich allein durch den Namen der Seite Menschen diffamiert fühlen, müssen und werden wir darüber nachdenken, ob er heute noch passgenau ist. Denn es wird nicht unser Weg sein, deshalb nicht mehr über Rassismus oder Rechtspopulismus zu schreiben.«

(Zwei Hinweise: 1. Der Verein kommunizierte freundlich und professionell. Da zumindest habe ich keinerlei Kritik. 2. Ich will an dieser Stelle gar nicht das Problem diskutieren, dass heute im Mainstream de facto jede grundsätzliche Kritik am Kurs von Angela Merkel als »Rechtspopulismus« gilt, selbst wenn sie vom Regierungspartner CSU kommt. Die Frage ist auch nicht, wieviele Initiativen unklarer Finanzierung es noch geben soll, die konservative Kritiker angreifen. Hier geht es um die Frage des modernen »Nazi«-Begriffs.)

Fakt ist: Heute, also Stand Ende 2016/ Anfang 2017, verwendet das Projekt »Netz gegen Nazis« den Begriff »Nazi« immer wieder auf konservative Kräfte. Selbst wenn es innerhalb einzelner Dokumente dann (meist nur von linken Aktivisten verwendete) Unterkategorien gibt wie »Rechtspopulisten« oder »Rechtskonservative«, so ist doch jeder, der kritisch erwähnt wird, automatisch mindestens unbewusst angeklagt, ein »Nazis« zu sein.

Ich will das an einem Vergleich verbindlichen: Stellen Sie sich vor, ich betreibe ein Portal namens »Netz gegen Mörder«. Sie haben sich mal mit ihrem Kumpel gekabbelt, was mehr als ok ist, und sich zu kabbeln ist ja auch übergriffig, so wie Mord. Ich präsentiere Sie auf meinem Portal »Netz gegen Mörder«, sage aber dazu, dass ich mich auch auf andere Fälle von Gewalt beziehe.

Netz gegen Nazis wirft Menschen vor, zu verallgemeinern und Gruppen von Menschen nach ihren schlimmsten Mitgliedern abzuurteilen. Ja, einige Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, betreiben betrügerischen Asylmissbrauch. Es wäre aber unanständig, zu implizieren, dass alle Immigranten deshalb Asylbetrüger sind. Ja, einige Menschen, die der Regierung kritisch gegenüberstehen, sind Rechtsextreme, also »Nazis« in diesem Sinne. Es ist aber unanständig, zu implizieren, dass alle Regierungskritiker deshalb Nazis sind. Doch genau das tut Netz gegen Nazis, immer wieder. Für meinen Geschmack, ähneln die Methoden dieses Vereins zu sehr jenen, die man ursprünglich bekämpfen wollte.

Bedeutungswandel

Der Verein Netz gegen Nazis ist inzwischen mehr Indikator als Initiator. Die Bedeutung von »Nazi« hat sich gewandelt.

War ein »Nazi« einst ein Rechtsextremer, der dem Dritten Reich nachtrauerte und Gewalt an Menschen anderer Hautfarbe und Kultur plante, allein weil sie anders sind, so kann heute schon als »Nazi« gelten, wer traditionelle Familienkonstellationen bevorzugt.

Im Advent 2016 hatte Edeka wieder einen ihrer herzerwärmenden Weihnachtsspots herausgebracht. Plötzlich aber entdeckte jemand angebliche »Nazi-Codes« in diesem Werbespot. Einer dieser Codes wird von der Expertin so beschrieben:

Sowieso vermittelt der Spot besonders am Anfang eine heile Welt und transportiert Werte, die auch für die Neue Rechte stehen. Die Kinder spielen zum Beispiel auch eine altmodische Version von “Mensch ärgere dich nicht”.

(Wenn Sie mal so richtig lachen wollen, lesen Sie das ganze Interview – und fragen Sie sich, was für Exzentriker, von Ihrem Steuergeld finanziert, die politische Bildung in Deutschland verwalten.)

Halten wir fest: Bereits durch den Wunsch nach »transportierten Werten« und durch das Spielen traditioneller Brettspiele können Sie in »Nazi-Verdacht« geraten – und zwar bei staatlichen Behörden für politische Bildung.

Wer in traditioneller Ehe lebt und dies auch gut findet, wer seine Kinder pünktlich und sauber zur Schule schickt, wer seine Rechnungen bezahlt und seinen Müll trennt, der hat ebenfalls bald das Gefühl, ein »Nazi« zu sein – und damit irgendwie von Berliner Leitmoral in einen Topf mit Menschenhassern in Springerstiefeln geworfen zu werfen. Und wer es wagt, traditionelle Geschlechter-Rollen gut zu finden, der kann sich in den Augen manches »Nazi-Experten« (ein modernes Berufsbild ohne formale Zugangs-Qualifikation) gleich ein Hakenkreuz in den Nacken tätowieren lassen.

Die moderne Verwendung von »Nazi« als Kampfbegriff richtet sich immer häufiger gegen Menschen, für die schlichte Ordnung eine Voraussetzung von Glück und Sicherheit darstellt. Die Kulturlinken initiieren eine Aufhebung aller Grenzen, sei es die des Staates, der Umgangsformen, der Familie, der Kulturen und letztendlich auch der Geschlechter. Wer Angst vor dieser Entgrenzung hat, dem wird eine Krankheit des Geistes, die »Phobie«, bescheinigt. Wer die Entgrenzung aktiv angeht, in ausgesprochener Meinung oder politischer Tat, der ist ein »Nazi«.

Konsequenzen

Der Begriff »Nazi« ist moralisch als größtmögliches Übel belegt. Selbst einem Mörder werden eher Grundrechte wie Würde und Unversehrtheit zugestanden als einem »Nazi«.

Eine unbekannte, aber erhebliche, Zahl an Astroturf-Vereinen (»von oben« eingesetzte Vereine, die eine »Bürger-Bewegung« simulieren sollen, also bereits im Ansatz unehrlich sind), Agentur-Projekten (oft von Ministerien finanziert) und »politischen Aktivsten« (die auf spätere Finanzierung »von oben« hoffen) betreibt das Geschäft, Menschen mit Kritik an veröffentlichter Meinung und genereller Regierungslinie in die Nähe dieser »Nazis« zu rücken.

Ist ein Mensch aber erst einmal in die Nähe von »Nazis« gerückt, weil er das Falsche wählt oder traditionelle Familienformen gut findet, fallen schnell die Hemmungen im Kampf gegen ihn. Projekte wie Netz gegen Nazis, welche etwa die AfD immer wieder in Nazi-Nähe rücken, könnten Linksextremen die gefühlte Legitimation geben, gewalttätig AfD-Politiker zum Schweigen zu bringen. (Selbstredend, dass die AfD nach dieser Lesart »Nazi« ist.) Netz gegen Nazis wird sich dagegen natürlich verwahren. Man hat doch nur Listen erstellt und diese Menschen außerhalb der Gesellschaft positioniert. Mit der folgenden Gewalt hat man nichts zu tun. Im Kampf gegen »Nazis« kommen auch prädemokratische Methoden zum Einsatz. Der moderne Pranger ist Online, der angebliche »Nazi« wird beim Arbeitgeber als solcher denunziert und so wirtschaftlich vernichtet, manche phantasieren davon, »Nazis« bis in Schulen hinein zu verfolgen.

Ralf Stegner, medienerfahrener Vizechef der SPD, formuliert es so: »Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren,weil sie gestrig,intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind!«

Beatrix von Storch, wohl ein »Nazi« im neuen, »erweiterten« Sinne, antwortet ihm: »Was hätten Sie wohl gesagt, wenn wir zur “Attacke” gegen das “Personal” der SPD aufgerufen hätten?«

Fazit

Der Begriff »Nazi« bedeutet 2017 weitgehend nicht einmal mehr Rechtsextreme.

»Nazi« wurde zum Kampfbegriff gegen alle, die von der Leitmeinung in ARD und ZDF abweichen.

Die Rechtsanwältin Nina Diercks äußerte sich jüngst kritisch zum Boykott des sozialen Netzwerks XING und dem (letztendlich erfolgreichen Versuch), eine Trennung des Netzwerks von seinem Herausgeber aus politischen Gründen zu erpressen. Prompt kam der Backlash von den »Guten«. Sie wurde beschimpft. Halb amüsiert stellte sie fest: »Ha, ha. Ich bin jetzt ein Nazi. Jo. So schnell geht das. #thisisexaktlywhatImeant«

Auch wenn der Begriff in nur wenigen Jahren entleert wurde, werde ich ihn nicht benutzen, auch nicht zum Spaß. Das ursprüngliche Problem des Rechtsextremismus existiert ja nach wie vor, auch wenn es einen anderen Stellenwert hat. Es war kein Rechtsextremer, der in Berlin mit dem LKW in den Weihnachtsmarkt fuhr. Es waren nicht Rechtsextreme, die sich am Kölner Hauptbahnhof an Frauen vergingen. Vor allem aber bleibt »Nazi« sprachlich untrennbar verbunden eben mit dem »Nationalsozialismus«. Jemanden etwa dafür, dass er Grenzkontrollen einführen und den Rechtsstaat durchsetzen möchte, in die Nähe von Nationalsozialisten zu rücken, das ist nicht nur eine unappetitliche Beleidigung und der Abbruch aller demokratischen Debatte, es ist vor allem eine Verharmlosung der Verbrechen des Dritten Reichs und eine Verhöhnung ihrer Opfer.

Wer »Nazi« sagt, der spaltet, verletzt und erhebt sich selbst. Wer Nazi sagt, der betreibt darin genau das, was er zu bekämpfen vorgibt.

Schlussgedanke

Ein jüdischer Freund hat jüngst einen Gedanken mit mir geteilt, der für mich den heutigen Nazi-Begriff endgültig zerdepperte. Er sagte: Ich sehe die Leute, die heute ständig »Nazi« schreien. Und ich sehe die Leute, die heute als »Nazi« beschimpft werden. Wenn heute das Dritte Reich wäre, würde ich wahrscheinlich bei einigen von denen Unterschlupf suchen, die von irgendwelchen Berliner Spinnern ein »Nazi« genannt werden. Bei denen hätte ich weniger Angst, dass sie mich verpfeifen.«

– – –

Hinweis: Dieser Text ist auch auf Tichys Einblick erschienen. Bitte posten Sie Ihre Meinung zum Thema dort, hier geht es darum, was der Ausdruck bedeutet.

Bitte beachten Sie beim Kommentieren die Zensur- & Verwertungs-Regeln.
(Kurz: Keine Menschen(gruppen) angreifen. Ich darf Ihre Ideen verwenden.)


  • Erithacus Rebecula-Bonum

    Nazi ist eindeutig ein Begriff, der Menschen aus der Nazionalsozialistischen Vergangenheit definiert. ALLE HEUTIGEN BETITELUNGEN SIND DEM MAINSTREAM ZUZURECHNEN: So werden konservativ denkende Menschen und Menschen, die gegen den Zeitgeist schwimmen regemäßig und unsachlich damit ausgegrenzt.

    • Andreas Schneider

      Selbst im Reich der Nationalsozialisten war „Nazi“ ein letztlich (wenn auch zumeist nur leicht) abwertender Euphemismus.

      Es entspricht jedoch dem heutigen Zeitgeist, mit zunehmender zeitlicher Distanz zu jener Ära unzureichende Kenntnis mit besonderer Verflachung zu beurteilen. Eine Ausprägung des Sektkorken-Effekts: die größten Flaschen machen das lauteste „Plopp!“ Damals wie heute.

  • ErlingPlaethe

    Es gibt unterschiedliche Interpretationen des Begriffs des Antifaschismus. Eine davon ist die linksextremistische die den Begriff zur Agitation nutzt. Es gibt dazu einen ausgezeichneten Beitrag von Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber auf der Seite der bpb.
    Dieser dort beschriebene linksextreme und antidemokratische Antifaschismus ist Grundlage im sogenannten Kampf gegen Rechts.
    Aus diesem leitet sich die Überdehnung des Begriffs „Nazi“ ab.
    Sie ist ein Synonym für die Verbreitung linksextremistischer Ideen in der Mitte der Gesellschaft.
    Was Nazi tatsächlich bedeutet ist schnell erklärt: Ein Nazi identifiziert sich mit dem Nationalsozialismus als Ideologie und artikuliert sich entsprechend.

  • Rüdiger Plantiko

    Man könnte ja mit einem Vergleich Nazi/Sozi anfangen. Im Namen von beiden Ideologien, „Nationalsozialismus“ wie „Sozialismus“, haben Menschen unglaubliche Schuld auf sich geladen und schlimme Verbrechen begangen. Dennoch sind die Anschuldigungen „Sozi“ und „Nazi“ nicht gleichwertig: jemanden einen Sozi zu nennen, ist nicht weiter schlimm. Die Verbreitung von sozialistischer Propaganda ist nicht verboten, die Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda aber in der BRD eine strafbare Handlung. Wer der nationalsozialistischen Ideologie anhängt und sich dazu öffentlich bekennt, riskiert u.a. den Verlust seines Arbeitsplatzes und seiner Freiheit, es droht eine Haftstrafe. Wer sich Sozialist nennt, wird dagegen nicht verhaftet, sondern kann Gleichgesinnte in Parteien versammeln, kann für seine Auffassungen werben, wird dazu in Talkshows eingeladen u.v.a.m.

    Die Lage ist also asymmetrisch. Wenn eines der beiden Extreme staatlicherseits strafbewehrt ist und das andere nicht, wird es einem nahegelegt, dieses strafbewehrte Extrem in die Tonne zu treten und als allgemeinen Prügelknaben zu verwenden, dem man alle Arten unerwünschter Positionen auflädt. Man kann es mit der Kritik beliebig und bis ins offen Lächerliche übertreiben – nur wenige werden dagegen aufstehen und die Dinge wieder ins rechte Maß rücken wollen. Sie würden allein bei diesem Versuch bereits selber in den Ruf rücken, ein Nazi (oder, wenn sie es bestreiten, eben ein verkappter Nazi) zu sein – schon dieser Ruf, ob berechtigt oder nicht, kann ihnen beruflich schaden.

    All dies folgt aus der staatlich produzierten Asymmetrie.

    Wenn nicht das historische nationalsozialistische System im engeren Sinne gemeint ist, rekurriert der Begriff einerseits auf Nationalismus – das Einstehen für einen starken, souveränen Nationalstaat – andererseits auf Sozialismus, also z.B. die Ablehnung des unumschränkten freien Marktes zugunsten einer stärkeren staatlichen Kontrolle von Marktaktivitäten, wobei man das Wohl des gesamten Volkes im Auge hat (oder dies zumindest beansprucht). So kommt es, dass heute manche Leute die Politikerin Marine Le Pen eine Nationalsozialistin nennen, da sie eben einerseits für den souveränen Nationalstaat einsteht und andererseits in französischer Tradition eine hohe Staatsquote und Umverteilung im Programm hat (darin gleicht sie den Sozialisten).

    Da die Komponente „Sozialismus“ des nationalsozialistischen Programms aber durchaus salonfähig ist, führt die Nazi-Inkriminierung nur zur Unterdrückung der nationalen Komponente, also von Positionen, die für nationale Souveränität, für das nationale Eigeninteresse eintreten – bis hin zur nackten Existenzsicherung, z.B. durch Schutz der Grenzen und durch Bewahrung der eigenen Herkunftsgemeinschaft.

    • MarHel

      Im großen und ganzen kann ich Ihnen zustimmen, wobei die „frühere“ Begriffsverwendung des „National-“ Anteils auf die Überhöhung der eigenen Volksgemeinschaft zu Lasten anderer, als minderwertig betrachteter Völker abstellte.
      Heutzutage hat die öffentliche Meinung bei der Begriffsverwendung „Nazi“ im Blick, dass das Üben von teils pauschalisierende Kritik an den als Asylbewerbern Einreisenden bereits wieder Züge einer Herabsetzung als „minderwertig“ aufweist.
      Jedoch wird bei bewusst wenig differenzierender Begriffsverwendung von einigen jegliche Kritikäußerung an der steigenden Zuwanderung (als Betonung der „nationalen Komponente“ wie von Ihnen ausgeführt) so diffamiert.

  • Andreas Schneider

    Selbst im Reich der Nationalsozialisten war „Nazi“ ein letztlich (wenn auch zumeist nur leicht) abwertender Alltagseuphemismus.

    Es entspricht jedoch dem heutigen Zeitgeist, mit zunehmender zeitlicher
    Distanz zu jener Ära unzureichende Kenntnis mit besonderer Verflachung
    zu beurteilen.

    Eine Ausprägung des Sektkorken-Effekts: die größten
    Flaschen machen das lauteste „Plopp!“ Damals wie heute.

    • Haben Sie vielleicht eine Quelle zur Verwendung im 3ten Reich, oder eine Such-Richtung?

      • Andreas Schneider

        Nicht in dieser Form. Eine ganze Reihe an familiären Mosaiksteinchen aber, z. T. auch in meiner Mail dargelegt.

        Ein Großonkel, der als Ortsgruppenleiter „glänzte“, ein Großvater als Parteigänger, immer wiederkehrende Trauerveranstaltungen für Verwandte, die ich nie habe kennenlernen können. Und leider auch ein Satz entsorgter Tagebücher, die meine Haltung zum reinen Schulwissen massiv geändert haben.

        Im Einzelnen schlecht darzulegen; halt eine Reihe loser Fäden, die ich zu einem (natürlich recht provisorischen) Knoten verbunden habe.

  • Catarinense2

    „Nazi“ ist man heute in den Augen der linksrotgrün versifften Gutmenschenwelt, wenn man einer geregelten Arbeit nachgeht, seine Steuern und Rechnungen pünktlich bezahlt, eine Frau und zwei Kinder hat, die man zur Schule schickt und Männlein und Weiblein mit dem bloßen Auge unterscheiden kann.

  • Hippiemädchen

    Jemanden heute als „Nazi“ zu titulieren = gewolltes politisches Totschlagargument gegen unliebsame Kritik. Die erhoffte Wirksamkeit lässt erkennbar nach.

  • Dr. Thomas Bauer

    Seit 2015 wird NAZI als Zauberwort verwendet, um mittels einer GROSSEN MAGISCHEN INVOKATION unliebsame Kritiker in einem magischen Kreidekreis zu bannen. Dieser Zauber verliert unmittelbar an Wirkkraft, wenn der so Verfluchte nicht an die Magie dieses Wortes glaubt

  • Sven Lehnert

    Ein Vorwurf, bei dem es um die Erlangung der Deutungshoheit in polit. Debatten geht. Auch in seinen milderen Varianten, hier lasse man sich nicht täuschen, (Rechts-) Populist, Rechter, Rechtsextreme sind Teil einer Klimax, die von Anfang an darauf abzielt, die eigene Position als die einzig moralisch Richtige zu erhöhen. Es wird Anpassungsdruck erzeugt und eine Ächtung angedroht oder mindestens angedeutet.
    Nebenbei wird auch noch alles Nationalstaatliche abgewertet (wie zB.: nat. Grenzsicherung) , in dem an das böseste Deutschland erinnert wird.
    Funktioniert immer. Bessere Argumente sind dann nicht mehr wichtig oder zumindest zweitrangig.

  • Silke Bunners

    Ich bin Jahrgang 1971 und habe mich nicht nur in der Schule, sondern auch später im Studium wissenschaftlich mit dem 3.Reich beschäftigt. Mit der Frage „Wie konnte sowas passieren??“, mit der Psychologie der Massen, den Gräueltaten der Nazis, der Propaganda, dem Blick vom Ausland auf Hitler – und den Folgen des ganzen Wahnsinns. Von denen war auch meine Familie unmittelbar betroffen, sie wurde zerrissen. Nazi – das ist zurecht ein Begriff, der uns erschaudern lässt. Umso besorgter beobachte ich – besonders in den vergangenen zwei Jahren – wie sorglos inflationär und damit verwässernd dieser Begriff genutzt wird. „Nazis“ – das sind plötzlich auch Menschen, die die Flüchtlingspolitik 2015 kritisieren, die zugeben, AfD zu wählen. Man kann auch diese Menschen kritisieren, natürlich! Unterschiedliche Meinungen machen unsere Gesellschaft doch aus! Aber Menschen mit einer anderen Meinung als „Nazi“ zu bezeichnen, weil man vom eigenen Standpunkt so fest überzeugt, dass man für andere Argumente taub ist, das halte ich für gefährlich ( siehe oben, „Psychologie der Massen“). Denn: wer bestimmt heute, wer oder was „nazi“ ist? Irgendwie doch jeder nach Laune und vor allem nach politischem Lager. Mit allen Konsequenzen für die Betroffenen. Wenn’s um Nazis geht, geht es nicht ja mehr um Menschen, der Zweck heiligt alle Mittel. Inklusive Online-Pranger, Entzug der Existenz-Grundlage, Verfolgung von Schülern (!!) Denn, ja, „Nazi“ ist noch immer ein schauerlicher Begriff, der seine Wirkung niemals verfehlt. Dessen Wirkung sind sich inflationäre Nutzer vielleicht nicht mehr bewusst. Oder… doch?

    • Wow, danke, ist etwas mehr als »Notiz« geworden! 😉

      • Silke Bunners

        Musste raus 😐…

  • Nasenbär

    Was bei dem Vorwurf „Nazi“ immer wieder vergessen wird, ist die Tatsache, dass die Nazis Sozialisten waren und sich selbst als Linke bezeichnet haben. Wenn man sich mit der Politik der Nazis auseinandersetzt, stellt man eine Menge Gemeinsamkeiten zu heutigen sozialistischen Parteien fest.
    Die Nazis verfolgten u.A. folgende Ziele, die heute bei Linken, Grünen und SPD breite Zustimmung finden und auch umgesetzt werden:
    – Eine vom Staat gesteuerte Wirtschaft, bzw. der Staat als Unternehmer (z.B. VW, da gab’s sogar einen fliegenden Wechsel)
    – Ein Sozialstaat, der den Bürger von der Wiege bis zur Bahre versorgt
    – Gruppenzugehörigkeit triumphiert über Individualismus (Stichwort „Quote“, „Gender“)
    – Enteignung des Bürgertums („Vermögenssteuer“)
    – staatliche Medien
    – Verbot des privaten Waffenbesitzes
    – staatliche Konjunkturprogramme, der Staat als größter Arbeitgeber
    – krude Vorstellungen von Naturschutz
    – Ersatzreligion „Gesundes Leben“
    – alternative Medizin (Heilpraktiker, Homöopathie, etc.)
    – Erziehung der Kinder durch den Staat, nicht die Eltern, zum Zwecke der Indoktrination (Ganztagsschule, KiTa, Forderung nach der Vollzeit tätigen Mütter)

    Allein an dieser kleinen Zusammenstellung sieht man, dass die Nazis tatsächlich eine linke Partei waren, sie jedoch seit jeher den Konservativen (Rechten) in die Schuhe geschoben werden.
    Bürgerliche (also gemäßigte Rechte) haben mit den Nazis (Rechtsextremen) genauso wenig gemein, wie mit den Kommunisten (Linksextremen). Es handelt sich um einen klassischen Etikettenschwindel, der uns von klein auf beigebracht wird, da die Wahrheit uns klarmachen würde, dass linke, bzw. sozialistische Politik IMMER in der Katastrophe endet. Sowohl der nationale als auch der internationale Sozialismus ist eine weltfremde Utopie, die früher oder später dazu übergehen muss, politische Gegner zu kriminalisieren, inhaftieren und zu töten. Bill Whittle hat einmal das inoffizielle Motto des Sozialismus sehr schön beschrieben mit „Kill, until paradise arrives.“

    Es geht bei dem Nazi-Vorwurf also gar nicht darum, jemandem vorzuwerfen, die Politik der Nazis zu verfolgen, da derjenige, den Vorwurf ausspricht, unwissenderweise politisch sehr viel näher an den Nazis dran ist. Im politischen Diskurs bedeutet „Nazi“ letzten Endes nichts anderes als „Arschloch“, bzw. es ist der häufig erfolgreiche Versuch, jemanden aus der Debatte auszuschließen, da man sich mit Nazis nicht unterhält, sondern diese bekämpft. Die Linksaußen von heute führen den Straßenkampf vor Weimar immer noch. Nur, da es quasi keine Nazis mehr gibt, den Linken also der Gegner fehlt, der ihnen ihre Existenzberechtigung gibt, basteln sie sich unter tatkräftiger Mithilfe der Medien und des Schulsystems einen neuen Gegner.

    • Nasenbär

      „Im politischen Diskurs bedeutet „Nazi“ letzten Endes nichts anderes als „Arschloch““

      Will sagen: Joschka Fischer würde sein einziges bekanntes Zitat heute wahrscheinlich so formulieren: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Nazi.“

  • Sky Lounge

    Der moderne Nazi ist nicht braun, sondern bunt, und sein Holocaust ist der Mord am eigenen Volk.

  • mizzitant

    Nach der Ablösung des Begriffes Nazi von seiner eigentlichen historischen Bedeutung und seiner Ausdehnung auf alle die rechts der weit nach links gerückten Mitte stehen, sollte man näher auf die umgangssprachliche Bedeutung des Begriffs eingehen.

    Auf Wiktionary findet man unter Punkt [3] „Jargon: Beleidigung gegen jemanden, der die eigenen Verhaltensnormen absolut stellt und anderen aufzwingt“.

    Diese Beschreibung passt allerdings punktgenau auf das Vorgehen vieler linker Politiker und Meinungsmacher sowie ihrer zahlreichen fanatischen Anhänger, die sich auf Zuruf jederzeit zu Hexenjagden gegen Andersdenkende mobilisieren lassen.

    Daher könnte man dem politischen Pedant der Rechtsradikalen und Rechtsextremen den Begriff „Linksnazi“ zuweisen, und auch diesen so weit aufblähen, wie der Begriff Nazi gedehnt wird um alle darin einzuschließen die sich den Luxus einer vom Mainstream abweichenden Meinung leisten.

    Das würde die Balance zwischen links und rechts wieder etwas mehr ins Lot bringen.

    (Auf Tichys Einblick gepostet, doch finde ich er passt auch hierher) .

  • Margit Appleton

    Im Englischen wird der Begriff ja umgangssprachlich schon länger im erweiterten Sinn gebraucht: „grammar-Nazi“ etc. Vielleicht ist die nun stattfindende Enthistorisierung auch ein Schritt dahin und meint jetzt eine autoritär denkende/handelnde Person, die untolerant Anderen die eigenen unflexiblen Gesetze vorschreibt und Abweichungen und neuen kreativen Entwicklungen im Weg steht.

  • Stefan Kopjonkin

    [Nach der Veröffentlichung des Artikels kommt das etwas spät, aber vielleicht ist ja doch noch ein bisher unausgesprochener Gedanke dabei]

    Der Begriff ‚Nazi‘ ist eine effektive, ökonomische und deshalb so beliebte Feindmarkierung. Ökonomisch, weil unter ihn jegliche dem anderen unterstellte antiaufklärerische und antidemokratische Denk- oder Handlungsweise subsumiert werden kann: Rassismus, Chauvinismus, Antisemitismus, Sexismus etc. Ist Alter von Ego eines dieser -ismen verdächtigt/angeklagt, erfolgt automatisch die Etikettierung ‚Nazi‘, die wiederum suggeriert, dass Alter sich als Träger von weiteren -ismen erweisen wird.
    Die Markierung ‚Nazi‘ ist effektiv, weil sie – wie bereits frühere Kommentare ausführten – den Versuch einer Kriminalisierung des Gegners unternimmt. Das soll in einer politischen Auseinandersetzung die Rechtfertigungslast bei Alter abladen; schließlich ist er der vermeintliche Straftäter, während sich Ego die Rolle des Anklägers/Richters zuweist. Die Zuschreibung ‚Nazi‘ versucht Alter nach dem Prinzip ‚Wo Rauch ist, muss auch Feuer sein‘ dauerhaft zu markieren. Übrigens entbindet die Zuschreibung ‚Nazi‘ eh von jeder Diskussion, denn Ego folgt der Maxime: ‚Mit Nazis diskutiert man nicht.‘

    Der inflationäre Gebrauch des N-Wortes resultiert nicht zuletzt aus der definitorischen Unschärfe, in die der Begriff im Zuge von 68er-Studentenrevolte, Apo und RAF getaucht wurde (damals war es häufiger ‚Faschist‘ / ‚faschistisch‘). Wer einen Blick in die Briefe und Schriften z.B. der ersten RAF-Generation wirft, wird die Entwicklung hin zu einer hysterisch inkriminierten Totalnazifizierung schnell herauslesen; irgendwann war alles faschistisch/faschistoid, was sich der eigenen Person oder Ideologie entgegenstellte – vom Staat über den einstige Mitstreiter bis hin zur Zellenbeleuchtung. Schnell hielt der indifferente Gebrauch Einzug in die politische Alltagskultur: Unis, Sponti-/Hausbesetzerszene, Protestbewegung.
    Aus jener Zeit datiert der Siegeszug dieser Begriffe als Marsch durch die Institutionen, meistens mit ‚Anti-‚ versehen, um den Kampf dagegen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu formulieren. Um ihn zu perpetuieren, erfolgte schon bald seine Psychologisierung (à la ‚der Hitler in uns selbst‘ meets autoritären Charakter). Dies ließ eine immer ungenauere Anwendung zu und erzeugte einen immer größer werdenden Kreis von potentiellen Verdächtigen, quasi ein Shotgun-Targeting. Es wurde in den Medien common sense, dass sich der Fascho nicht mehr vornehmlich an Springerstiefeln, Glatze und Wiederbetätigung ausmachen lässt, sondern durch Leaks seines Unterbewusstseins, durch einzelne Äußerungen zu bestimmten gesellschaftlichen oder politischen Themen – so, wie Herpesbläschen auf der Lippe von Viren zeugen, die den Körper befallen haben. Vom Truppenübungsplatz der Wehrsportgruppe Hoffmann vervielfältigte und verflüchtigte sich angeblich der Nazi ins biedere Eigenheim der gesellschaftlichen Mitte.

    Dass mit der Flüchtlingskrise ein vehementes Aufrüsten bei der Feindmarkierung stattfand, hat jeder vor Augen. Ebenso die Versuche von regierungskritischen Protestlern, ihre Äußerungen gegen den N-Vorwurf vorab zu immunisieren, indem sie ihn gleichzeitig zu antizipieren und entkräften suchten: „Bin ich ein Nazi, nur weil ich XYZ fordere oder anprangere?“. Die einhellige Antwort seitens der Herrschenden und der Medien war und ist: „Ja, Du bist einer!“
    Seitdem lässt sich ein sprachliches Wettrüsten feststellen, – was nur logisch ist, denn ‚Nazi‘ lässt sich als die Atombombe unter den Begriffswaffen bezeichnen. Da keine konventionelle Waffe gegen sie ankommt, liegt es auf der Hand, dass Alter früher oder später seinerseits die ‚Nazi‘-Anschuldigung gegen Ego erhebt; zu Recht erhebt – aus Gründen der bereits erwähnte Asymmetrie. Durch eine Allianz bzw. Verschmelzung des linken, grünen Milieus mit der regierenden linksverrückten Klasse bei völliger Oppositionslosigkeit wurde der Wert der Nazi-Münze von Staatsträgern leicht beglaubigt und gedeckt, um von den verbündeten Medien und ‚Gemeinnützigen Stiftungen‘ inflationär ausgeschüttet zu werden. Die Politkaste selbst kann das N-Wort (aus rechtlichen Gründen) nur bedingt aussprechen, aber immerhin hinreichend Begriffe generieren, die es triggern sollen. Was das Herrchen seinen Antifa-Wachhunden als Feindbestimmung zubrüllt: ‚Pack‘, ‚Dunkeldeutsche‘, ‚Unbelehrbare‘, ‚Unmenschen‘, ‚Zersetzer‘ usw. usf., wird von denen als ‚Nazi‘-Gekläff erwidert.

    Da der übermäßige Gebrauch des N-Wortes seine Wirkung verringerte und die Dosis erhöht werden musste, verfiel man auf den Kniff, andere Begriffe immer näher in seinen Assoziationskreis zu rücken. Nun sind Wörter wie ‚rechts‘, ‚konservativ‘, (als elementarer Teil eines demokratischen Parteienspektrums) oder sogar ‚umstritten‘ zur Gänze kontaminiert und dienen als Synonyme für ‚Nazi‘, – mit hinreichendem definitorischem Freiraum, um praktisch jeden politischen Gegenspieler zu dämonisieren: ‚Wer Nazi ist, bestimmen wir‘.

    Momentan ist zu beobachten, dass in der Eskalation ‚Nazi‘ immer unverblümter als Entsicherungsmechanismus des mentalen Kleinbürgertums pseudo-linker Provinienz auftaucht. Der ins Visier genommene vermeintliche Nazi-Zeitgenossen wird wieder an die Nazi-Bestie von 33-45 rückgekoppelt, orchestriert von einem unablässigen „Sind wir schon wieder so weit…?“. Und ego zieht daraus doppelten Gewinn: sowohl die Selbstermächtigung und -stilisierung zum Widerstandskämpfer, als auch die Enthumanisierung von Alter, der zum Abschuss freigegeben wird. Was sollte denn im Kampf gegen die Bestie nicht erlaubt sein? Bereits heute erleben wir mit Denunziation, Blockwartmentalität, In-den-wirtschaftlichen-Ruin-Treiben, Sachbeschädigung und körperlichen Übergriffen die Folgen einer Entmenschlichung des Gegners. Anders gesagt: ‚Souverän ist, wer über die Nazi-Verdacht entscheidet‘.
    Und schließlich wird das Feindmarkieren mit ‚Nazi‘ immer lukrativer. Staatlich alimentierte (direkt oder indirekt) Agenturen und Stiftungen lassen sich ihre Jagd auf ‚Nazis‘ ordentlich entlöhnen. Dass unter diesem ökonomischen Diktat die N-Gefahr niemals gebannt werden kann, sondern vielmehr jedes Jahr wächst, ist da nicht wirklich überraschend.

    Es wird einmal zu den traurigen Ironien der deutschen Geschichte gehören, dass diejenigen, die Jahrzehnte lang gegen die Relativierung der NS-Verbrechen zu Felde zogen, mit dem Missbrauch des ‚N‘-Wortes und der Losung ‚Alles Nazis außer uns!‘ genau das verschuldet haben: Relativierung.

  • Yug Sekwaf

    Der Begriff „Nazi“ wird heutzutage – da stimme ich Herrn Wegner zu – sehr inflationär gebraucht gegen jeden, der anderer Meinung ist – nicht nur rechtspopulistischer. Ich warte nur darauf – wenn es nicht schon passiert ist – dass auch Linke als „Nazis“ bezeichnet werden. „Nazi“ ist das ultimative Schimpf-, Pranger- und Ausgrenzungswort geworden.

    (ich fühle mich an das geflügelte Wort erinnert, das einem typischen Bewohner meiner Landeshauptstadt in den Mund gelegt wird: „Saupreiß, japanischer!“)

    Warum wird nun „Nazi“ (warum nicht Neo-Nazi? Die echten alten Nazis = Nationalsozialisten dürften mittlerweile fast alle gestorben sein) so häufig verwendet?

    Weil man glaubt, im Handeln des anderen Handlungsmerkmale zu erkennen, die man auch bei den historischen Nationalsozialisten zu erkennen glaubte:
    – Chauvinismus
    – übertriebener Nationalstolz
    – Gewaltbereitschaft
    – Missachtung / Unterdrückung von Minderheitenrechten
    – soziale Ausgrenzung bis hin zur totalen Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen
    – pauschalisierende abwertende Äußerungen und Handlungen gegen bestimmte Minderheitengruppen anhand Religion, Weltanschauung, Rasse, Herkunft, etc.
    – usw.

    Leute wenden hier den „Ententest“ an:
    „Wenn ein Objekt aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und schnattert wie eine Ente, dann kann man auch denken, es ist tatsächlich eine Ente, obwohl sie kein sichtbares Etikett hat, welches sie als Ente bezeichnet.“

    Ist das verkehrt?
    Vermutlich nicht, ist/war es doch elementare Grundlage unseren evolutionären Überlebens:
    Wenn ein Tier aussieht wie ein Säbelzahntiger, faucht wie ein Säbelzahntiger, dann muss man -zumindest vorsichtshalber- davon ausgehen, dass es einen auch aufessen will wie ein Säbelzahntiger.

    Mit dieser Art von „Etikettierung“ werden wir alle leben müssen. Durch jedes Handeln, jede Äußerlichkeit, jedes Wort werden wir unweigerlich in eine Schublade zu denjenigen gesteckt, die vergleichbar gehandelt, ein ähnliches Äußeres oder ähnliche Worte gesprochen haben.

    Jeder, der sich durch den Vorwurf, er sei ein „Nazi“ konfrontiert sieht, kann meistens mit guten Recht dagegenhalten, er sei es nicht.
    Zur Reflektion fähige Menschen sollten sich hinterfragen, warum sie als „Nazi“ gelabelt werden. Vielleicht haben sie doch Äußerungen von sich gegeben, die von anderen als „Nazi“-ähnlich empfunden worden sind.

    Ein Beisatz nur zur AfD (nur einer):
    Wenn die AfD sich nicht deutlich von Björn Höcke distanziert, der sich wie ein Nazi verhält, muss sie es aushalten, in die Nazi-Nähe gerückt zu werden.